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Religionsunterricht

Kompetenzorientierung im Religionsunterricht

Andreas Feindt

Ein Projekt zur kooperativen Unterrichtsentwicklung

Seit dem schlechten Abschneiden des deutschen Bildungssystems bei den internationalen Schulleistungsstudien wird in Deutschland an einer umfassenden Neustrukturierung des Bildungswesens gearbeitet. Ein wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist die Entwicklung und Evaluation national verbindlicher Bildungsstandards, die festlegen, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche in den jeweiligen Fächern, Schulstufen und -formen erwerben sollen. Diese Entwicklung hat auch vor dem evangelischen Religionsunterricht nicht Halt gemacht.

Eine Expertengruppe unter der Federführung des Comenius-Instituts hat im Jahr 2006 ein Modell grundlegender Kompetenzen religiöser Bildung für den Abschluss der Sekundarstufe I als Vorschlag zur Diskussion, praktischen Erprobung und Weiterentwicklung vorgelegt.

In einem 2007 begonnenen Folgeprojekt (KompRU) erarbeiten kleine Gruppen von Lehrer/-innen auf der Basis des vorgeschlagenen Modells kompetenzorientierte Unterrichtssequenzen für das Fach Ev. Religion, die sie unterrichtspraktisch erproben und gemeinsam reflektieren. Das Projekt setzt explizit im Bereich der Unterrichtsentwicklung an und basiert auf drei konzeptionellen Leitideen: 1) Die Arbeit ist auf Kontinuität angelegt. Über den Zeitraum eines Jahres arbeitet eine festen Gruppe gemeinsam an der Entwicklung, Umsetzung und Reflexion eines kompetenzorientierten Profils des eigenen Religionsunterrichts. 2) Die Entwicklungsarbeit ist an den Prämissen einer von Lehrer/- innen durchgeführten Praxisforschung orientiert. Es werden keine fertigen Produkte zur Anwendung präsentiert, sondern die Beteiligten sind in einen methodisch fundierten Entwicklungsprozess eingebunden. Der Kreislauf von entwickelnder Aktion und forschender Reflexion ist grundlegendes Prinzip. 3) Die Arbeit im Projekt ist auf die Kooperation im Team ausgerichtet. Regional gebundene Gruppen von vier bis sechs Religionslehrer/-innen treffen sich in der Regel einmal im Monat für eine dreistündige Teamsitzung. Mit der Zeit sollen so handlungsfähige professionelle Lerngemeinschaften entstehen, die gemeinsam den Prozess der Unterrichtsentwicklung gestalten. Begleitet werden die Gruppen von jeweils einem Religionspädagogen bzw. einer Religionspädagogin aus landeskirchlichen Fortbildungseinrichtungen sowie einem Erziehungswissenschaftler aus dem Comenius-Institut.

Im Februar 2007 hat die erste KompRU-Regionalgruppe in Braunschweig ihre Arbeit aufgenommen. Nach und nach sind vier Teams hinzugekommen, so dass mittlerweile fünf Gruppen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen mit insgesamt 28 Kolleg/-innen aus unterschiedlichen Schulen der Sekundarstufe I am KompRU-Projekt beteiligt sind. Die Kolleg/-innen wurden im Rahmen religionspädagogischer Fachtagungen oder über persönliche Kontakte angesprochen. Bemerkenswert war dabei, dass viele Lehrer/-innen großes Interesse an der Mitwirkung am KompRU-Projekt gezeigt haben. Angesichts der inhaltlichen und zeitlichen Anforderungen, die der Lehrer/-innenberuf stellt, war diese Bereitschaft nicht unbedingt zu erwarten, da die Mitwirkung einen nicht unerheblichen zeitlichen Aufwand erfordert. Neben den monatlichen Sitzungen am Nachmittag treffen sich die Gruppen jeweils zu einem Planungs- und einem Auswertungsworkshop über zwei Tage.

Mit Blick auf die bislang vorliegenden Erfahrungen ist festzustellen, dass die Entwicklungsarbeit deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen hat als ursprünglich vorgesehen.

Die Planung der kompetenzorientierten Unterrichtssequenzen war angesichts der kaum verfügbaren didaktischen Hilfestellungen eine große Herausforderung.

Auch ein als verwirrend empfundener Begriffs- und Theoriedschungel hat den Einstieg in die konkrete Entwicklungsarbeit nicht gerade vereinfacht. In dieser mit Unsicherheit verbundenen Situation wurde in den Gruppen an vielen Stellen immer wieder auf die Unterrichtsinhalte als Ausgangspunkt für die Planungsarbeit rekurriert. Ein solches Vorgehen ist vertraut und ermöglicht offensichtlich den Rückgriff auf Handlungsroutinen. Die Fokussierung der Kompetenzen als Mittelpunkt der Planungsarbeit erfordert jedoch einen zusätzlichen Wechsel der Perspektive auf den erwarteten Ertrag des Unterrichts. In diesem Zusammenhang wurde deutlich, wie sehr die Implementation eines kompetenzorientierten Unterrichts mit einer umfassenden Neuausrichtung bestehender Routinen und Denkmuster verbunden ist. Das Setting einer professionellen Lerngemeinschaft, die kontinuierlich und gemeinsam am Thema arbeitet, wird bezüglich dieser Herausforderung von den Teilnehmer/- innen in Gesprächen und Feedbackrunden immer wieder als hilfreiche und konstruktive Form gewürdigt.

Nicht nur die Planung, sondern auch die Durchführung der Unterrichtssequenzen hat deutlich mehr Zeit erfordert, als ursprünglich vorgesehen war. Die Tatsache, dass das Fach Religion an vielen Schulen der beteiligten Lehrer/-innen nur einstündig unterrichtet wird und Praktika, Klassenfahrten, Feiertage nicht selten zu großen Abständen zwischen den Stunden führen, hat zu einer zeitlichen Ausweitung der Erprobungsphase geführt. Diese Alltagswirklichkeit des Religionsunterrichts wirft die Frage auf, mit welchem Nachdruck die Entwicklung und Unterstützung eines kompetenzorientierten Unterrichts in diesem Fach verfolgt werden kann. Eine Umsetzung von Merkmalen kompetenzorientierten Unterrichts, wie z.B. Erhebung der Lernausgangslagen, Individualisierung des Unterrichts, Projektorientierung, Überarbeitung von Arbeitsergebnissen, übende Vertiefung erworbener Kompetenzen, Vernetzung von Wissensbeständen bedeutet in einem formal zweistündigen, praktisch aber oftmals nur einstündigen Unterrichtsfach eine im Vergleich zu den Hauptfächern gesteigerte Herausforderung.

Die Arbeitsergebnisse verdeutlichen, dass die praktische und theoretische Auseinandersetzung mit Merkmalen kompetenzorientierten Unterrichts die Weiterentwicklung der didaktischen Kultur im Religionsunterricht fördert. Für die Erhebung der Lernausgangslagen wurde die KompRU-Gruppe eine wichtige Ressource für die Interpretation von Schüler/-innenarbeiten, für die Klärung der Frage, was die Schüler/-innen bereits können und welche Lernangebote zur Weiterentwicklung der angezielten Kompetenz sinnvoll sind. Über E-Mails wurden Erfahrungen mit einzelnen Stunden und Materialien ausgetauscht oder Fragen bzw. Probleme kollegial bearbeitet.

Die Broschüren „Grundlegende Kompetenzen religiöser Bildung“ und die „Stellungnahmen“ dazu können zum Preis von je 5 € beim CI bestellt oder kostenfrei im Open-Access-Bereich heruntergeladen werden: Open Access

Literatur

Altrichter, Herbert/ Feindt, Andreas (2010): Lehrerinnen und Lehrer erforschen ihren Unterricht: Aktionsforschung. In: Terhart, Ewald/ Rothland, Martin/ Bennewitz, Hedda (Hrsg.): Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf. Münster u.a.: Waxmann (in Vorb.).

Fischer, Dietlind/ Feindt, Andreas (2010): Vom Kompetenzmodell zum Unterricht - Entwicklungsstrategien im Fach Evangelische Religion. In: Gehrmann, Axel/ Hericks, Uwe/ Lüders, Manfred (Hrsg.): Bildungsstandards und Kompetenzmodelle - Eine Verbesserung der Qualität von Schule, Unterricht und Lehrerbildung?“ Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 223-236

Feindt, Andreas (2010): Wie geht kompetenzorientierter Unterricht? Didaktische Herausforderungen im Zentrum der Lehrerarbeit. In: Feindt, Andreas/ Klaffke, Thomas/ Röbe, Edeltrau/ Rothland, Martin/ Terhart, Ewald/ Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.): Lehrerarbeit - Lehrer sein. Friedrich Jahresheft XXVIII, 2010. Seelze: Friedrich Verlag, S. 85-89.

2009

Feindt, Andreas/ Elsenbast, Volker/ Schreiner, Peter/ Schöll, Albrecht (2009): Kompetenzorientierung im Religionsunterricht. Befunde und Perspektiven - Einleitung. In: Feindt, Andreas/ Elsenbast, Volker/ Schreiner, Peter/ Schöll, Albrecht (2009b): Kompetenzorientierung im Religionsunterricht. Befunde und Perspektiven Münster u.a.: Waxmann, S. 9-19.

Feindt, Andreas (2009a): Implementation von Bildungsstandards und Kompetenzorientierung im Fach Ev. Religion - Das Beispiel KompRU. In: Feindt, Andreas/ Elsenbast, Volker/ Schreiner, Peter/ Schöll, Albrecht (Hrsg.): Kompetenzorientierung im Religionsunterricht. Befunde und Perspektiven. Waxmann 2009, S. 295-314.

Feindt, Andreas (2009b): Vom Verlieren und Finden der Forschung. Anmerkungen zum forschenden Habitus von LehrerInnen in der Unterrichtsentwicklung. In: Hollenbach, Nicole/ Tillmann, Klaus-Jürgen (Hrsg.): Die Schule forschend verändern. Praxisforschung aus nationaler und internationaler Perspektive. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 147-165.

Feindt, Andreas (2009c): Auf dem Weg zum kompetenzorientierten Unterricht -Anmerkungen zur Unterstützung professionellen Handelns von Lehrerinnen und Lehrern. In: IRP Impulse. Zeitschrift für den katholischen Religionsunterricht an allgemein bildenden Gymnasien und beruflichen Schulen. Heft 2/2009, S. 10-15.

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